Das große Vergessen. Datenschwund im digitalen Zeitalter
Christine Plaß
Wenn es um das Verschwinden digitale gespeicherter Informationen geht, reicht die Spannbreite der Emotionen bei den Zeitgenossen von Gleichmut bis Panik. Gelassen sehen die einen einer Zukunft entgegen, in der ein Großteil unseres "Datenmülls" verschwunden sein wird, während andere vor einem katastrophalen Informationsverfall warnen, der schleichend und stetig voranschreitet und das kulturelle Gedächtnis auszulöschen droht. Manche glauben gar, dass die explosionsartige Entwicklung der Informationstechnologie im 20. Jahrhundert dazu führen könnte, dass diese Epoche eine der am schlechtesten dokumentierten sein wird: ein dunkles digitales Zeitalter.
Der Verlust von Wissen in Form von Dokumenten oder kulturellen Errungenschaften so alt wie der Versuch, es zu bewahren. Eins ist jedoch neu: Mit der Speicherung von Wissen in digitalen Dokumenten sind wir zum ersten Mal darauf angewiesen, Maschinen zu besitzen, die in der Lage sind, uns Zugang zu diesen Daten zu verschaffen. Es reicht nicht mehr aus, nachfolgenden Generationen das Lesen beizubringen, ihnen ein Verständnis von Kunst zu vermitteln und sie in die Lage zu versetzen, einen Film zu verstehen. Wir müssen auch dafür sorgen, dass Informationen auf mehr oder weniger schnell vergänglichen Datenträgerm lesbar bleiben, dass für zukünftig hoffnunglos veraltete Datenträger Geräte bereit stehen, die sie lesen können oder Daten stets auf die neuesten Medien transfomiert werden. Technisch wäre das kein Problem. Warum, wie und mit welchen Mitteln Informationen aufbewahrt werden oder dem Vergessen anheim fallen, folgt Gesetzmäßigkeiten, die sich vor allem mit soziologischen und kulturwissenschaftlichen Methoden analysieren lassen. Denn drängender als Generationen vor uns stellt sich in unserer Epoche die Frage: Was von der unermesslichen Menge an Informationen und Wissen, das dieses Zeitalter der Informationstechnologien generiert, wollen wir aufbewahren?
